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Warum mein Vater der gruseligste Weihnachtsmann ist?

Warum mein Vater der gruseligste Weihnachtsmann ist, den man trotzdem lieb haben musste.

"Ich will aber eine singende und sprechende Puppe vom Weihnachtsmann haben. Das muss der doch verstehen."

Wir schrieben das Jahr 1972 und wohnten nun schon 2 Jahre in einem kleinen Dorf in Thüringen. Der Winter hatte es wieder einmal extrem gut mit dem Schnee gemeint. Meine Mutter arbeitete jeden Tag als Fleischverkäuferin im Dorf und mein Vater war ganz neu bei der Polizei. Beide arbeiteten sehr lange. Ich war damals gerade 8 Jahre alt. Meine  langen blonden Zöpfe baumelten an den Seiten herunter und mein Mund schmollte ganz fürchterlich, denn ich hatte nur den einen Wunsch: vom Weihnachtsmann eine Puppe, die singen und sprechen kann. Und das zu den tiefsten DDR-Zeiten. Mit so einem Wunsch stellte ich meine Eltern vor eine schier unlösbare Aufgabe, denn es gab praktisch nie so eine Puppe, und schon gar nicht für uns, die Familie eines Polizisten, der einfach keine seiner Beziehungen spielen lassen wollte.
Meine Mutter versuchte mich für andere Geschenke zu begeistern und ich sah in ihr verzweifeltes Gesicht.
"Das ist doch ganz einfach! Du sagst es dem Weihnachtsmann nochmal wie wichtig das ist und dann bringt er es mir."
Das Gesicht meiner Mutter war immer noch total verzweifelt und ich verstand es nicht, schließlich bot ich ihr gerade die beste meiner Lösungen an. Mit einem tiefen Seufzen schaute sie meinen Vater an, der nur genauso verzweifelt nickte. Was war denn hier nur los? Hat der alte Mann mich etwa vergessen? Ich versuchte meine Tränen hinunter zu schlucken und schon hatte ich meiner Mutters Taschentuch im Gesicht.
"Ich kann es nochmal versuchen, aber versprechen kann ich es dir nicht. Denk daran, wie viel der Weihnachtsmann jedes Jahr zu tun hat."

In den nächsten Tagen war ich einfach nur traurig und sauer. Dann gab es immer irgendwelche Erwachsenengespräche, für die ich zu klein war. So ein Quatsch, ich gehe schließlich schon in die Schule. Und diese Gespräche waren laut und heftig. Immer wieder hörte ich wie meine Mutter sagte: "Kannst du nicht einmal über deinen Schatten springen? Anders werden wir sie nicht besorgen können?"  Wen? Ich verstand das nicht.

Das Abendessen gab es bei uns immer erst, wenn mein Vater von der Arbeit kam.
"Ich habe ihn heute gefragt, ob er uns den Gefallen tun kann," brummelte mein Vater in seinen Stoppelbart. Meine Mutter strahlte ihn an.
"Na endlich. Und, hat er gesagt wann es klappt?" Mein Vater schüttelte mit dem Kopf.
"Um Himmels Willen, das wird ja ein Theater geben"

"Warst du etwa beim Weihnachtsmann?", fragte ich meinen Vater der immer noch seine Uniform an hatte.
"Ich? Nein, der redet doch nicht mit Polizisten."
"Warum denn das?"
"Na weil wir die Diebe einfangen müssen, damit ihm keiner den dicken Geschenkesack klaut."
Ja, klar das leuchtete mir ein.
Die Stimmung zwischen meinen Eltern verschlechterte sich in den nächsten Tagen deutlich. Doch da, einen Tag vor Weihnachten, kam ein mir völlig unbekannter Mann zu Besuch. Er wurde in die Stube gelockt und es gab wieder diese geheimen Erwachsenengespräche. Auf einmal hatte meine Mutter wieder dieses strahlende Gesicht und mein Vater eine stolze Brust.
"Wer war das?"
"Ach Niemand." Aha, immer dieser blöden Antworten und jetzt war ich überaus schlecht gelaunt.

Heilig Abend, endlich.
Ich hatte schon gedacht, der Tag kommt nie. Meine Mutter arbeitete noch bis weit in die Mittagszeit in ihrer Fleischerei, dann gab es Kartoffelsalat und Würstchen. Später gab es Kaffee und Kuchen im Kerzenschein und natürlich einen schönen Film im Fernsehen. Dann mussten wir uns alle schick anziehen und für die Bescherung alles zurecht machen. Und Vati sollte nochmal in den Keller gehen…..

"Ho Ho Ho", und ein ganz lautes dunkles Klopfen durchdrang unser Haus.
Ich zuckte zusammen und kroch zu meiner Schwester.
"Wohnen hier zwei Kinder?" brüllte jemand in den Flur.
"Ja, Herr Weihnachtsmann und die zwei warten schon auf dich." Meine große Schwester grinste mich an und unterdrückte ein schallendes Gelächter, als der mächtige Mann unser Wohnzimmer betrat. Ich verstand das nicht und krallte mich in ihren Pullover hinein. Oh mein Gott, was war das? Der Weihnachtsmann? Dicke übergroße  Filzstiefel, ein Wollmantel im schwarz weißem Chiffonmuster, ein dickes Seil um den dicken Bauch, eine Russenmütze auf dem Kopf und im Gesicht hatte der Mann eine lapprige Haut, mit weißer Watte. Boah, ich hatte Angst vor dieser Gestalt und zwar richtige Angst, eher Panik, und dann sollte ich auch noch was singen. Kein Wort brachte ich heraus nur Tränen. Ab und an knuffte meine Mutter den Weihnachtsmann in den Arm und flüsterte "nicht so doll."

Ich bekam das kaum mit. Ich krallte mich nur noch mehr an meine große Schwester die immer noch mit ihren Lachanfällen zu tun hatte. Ab und an prustete sie los und hob einen Fetzen des Weihnachtsmannbartes vom Teppich auf und sagte dann auch noch:
"Deine Watte löst sich auf." Und schon wieder kämpfte sie so sehr mit ihrem Gelächter, dass ihr Gesicht puterrot war.
Ich verstand gar nichts heulte und krallte mich in ihren Arm.
"Aber ein Gedicht kannst du doch?" brüllte der Alte mich an. Meine Mutter gab ihm wieder einen Seitenhieb.
"Nicht so laut." Ich heulte noch heftiger und meine Schwester gab komische Geräusche von sich. Meine Mutter und der Weihnachtsmann halfen mir das Gedicht aufzusagen. Ich glaube der Alte kannte das schon auswendig. Warum er es dann überhaupt von mir hören wollte? Dann endlich griff er in dem alten staubigen Sack, der fürchterlich nach Kohlen roch und gab mir ein riesiges Paket. Oh, ist das groß gewesen. So ein riesiges hatte ich noch nie bekommen. Artig bedankte ich mich und der gebückte alte Weihnachtsmann sagte zärtlich: "Na mach es auf."

Vorsichtshalber schaute ich meine Mutter nochmal prüfend an. Schließlich hatte der Alte mit der lapprigen Haut im Gesicht, die sich übrigens ständig bewegte, eine riesige Rute in der Hand. Ok, sie nickte und schon packte ich das Paket aus. Meine Schwester half  mir dabei und dann, ich war fassungslos.
Meine singende und sprechende Puppe. Da war sie und sie hatte so schöne lange blonde Haare, wie ich.
"Mutti schau mal." Ich strahlte und war so glücklich. Drückte die Puppe gleich an mich. Mutti und der Weihnachtsmann weinten und meine Schwester freute sich auch so sehr.
"So, Herr Weihnachtsmann jetzt müssen sie wieder weiter, die anderen Kinder brauchen doch auch ihre Geschenke." Ja…. und dann war er auch schon verschwunden. Ich bewunderte nur noch meine Puppe, ihre Schuhe und das Kleid, als mein Vater endlich in die Stube kam.
"Ach Mensch Vati, jetzt hast du wieder den Weihnachtsmann verpasst. Schau mal was ich bekommen habe."
"Ja komisch, jedes Jahr verpasst unser Vater den Weihnachtsmann.", grinste meine Mutter und zupfte ein bisschen Watte aus seinem Gesicht.

Diese gruslige Gestalt war natürlich mein Vater mit einer Weihnachtsmannlarve im Gesicht, die leider jedes Jahr knittriger wurde und der Wattebart immer dünner.  Jedes Jahr hat er mich mit diesem Outfit zu Tode erschreckt. Später wurde er der Weihnachtsmann für meinen Sohn, wobei ich dann, wie meine Schwester damals, mit den Lachanfällen zu tun hatte. Mein Sohn übrigens auch. Die Kinder sind heutzutage einfach pfiffiger.
Jetzt ist mein Sohn selbst ein toller Weihnachtsmann für den Kindergarten seines angeliebten Sohnes geworden. Und noch ist er nicht enttarnt worden.

Was mein Vater uns allen mitgegeben hat, ist sein Humor. Auch wenn es wie beim Weihnachtsmann gar nicht lustig sein sollte.

geschrieben von Katrin Treydte 2015

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